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8 Min. Lesezeit

Wenn Eltern alt werden

Eine Lebensphase zwischen Umbruch, neuen Rollen und schwierigen Fragen

Das Älterwerden betrifft uns alle. Bei den eigenen Eltern kann es aber auch ein Thema sein, das uns tief be­rührt, mitunter verunsichert und reichlich Umbruch mit sich bringt. Insbesondere wenn zunächst subtile Ver­änderungen – wie Vergesslichkeit, Probleme bei alltäglichen Aufgaben, nachlassende Mobilität oder auch eine veränderte Stimmung – sich verstärken und unsere Eltern immer mehr Unterstützung brauchen. Viele Familien stehen dann vor einer neuen, oft herausfordernden Phase, in der sich nicht nur Bedürfnisse ändern und Rollen verschieben, sondern auch schwierige Fragen aufkommen, auf die es nicht immer eine einfache Antwort gibt.

Wie stellst du dir die Zukunft vor? –  Mit Eltern über die Hilfsbedürftigkeit sprechen

Wenn unsere Eltern älter werden, sind körperliche und kognitive Einschränkungen mitunter nicht immer sofort offensichtlich, sondern treten schleichend nach und nach auf. Von uns sind dann sensible Antennen gefordert, um die Veränderungen zu erkennen. Es ist wichtig, dass wir vor der neuen Situation nicht die Augen verschließen oder die Einschränkungen ignorieren – auch wenn es schwerfallen kann, die eigenen Eltern altern zu sehen.

Sprechen Sie mit Ihren Eltern offen über Ihre Beobachtungen und versuchen Sie dabei Bevormundung oder Kritik zu vermeiden. Meist ist es für unsere Eltern selbst noch viel schwerer, die Veränderungen zu akzeptieren. Des­halb ist es umso wichtiger, dass Sie sich bei diesen mitunter unangenehmen oder aufgeladenen Gesprächen von Geduld und Empathie leiten lassen. Bedenken Sie dabei immer, dass Ihre Eltern eigenständige Personen sind, die an wichtigen Entscheidungen, die ihr Leben betreffen, beteiligt sein sollten. Fragen Sie daher aktiv nach, welche Bedürfnisse Ihre Eltern haben, wie sie sich die Zukunft vorstellen und welche Unterstützung sie benöti­gen. Wir sollten dabei aber nicht erwarten, dass unsere Eltern sofort eine Lösung parat haben oder unseren Ideen zustimmen. Vielmehr können wir daraufsetzen, stetig über diese Themen zu sprechen und einen Denkprozess anzustoßen.

Was, wenn ich vielleicht gar nicht will?  –   Eigene Grenzen kennen und wahren

Das Älterwerden und eine möglicherweise damit einhergehende Hilfs- oder Pflegebedürftigkeit unserer Eltern kann auch dazu führen, dass wir einen inneren Widerstand spüren, wenn wir um Unterstützung gebeten werden. Dafür kann es vielfältige Gründe geben: Vielleicht können wir die Pflege nicht mit unseren anderen Aufgaben verbinden oder die Kraft und Kapazitäten reichen nicht aus, eine andere Person in größerem Umfang zu unter­stützen. Es kann auch sein, dass unsere Beziehung seit Längerem angespannt und eher distanziert ist, vielleicht kaum oder gar kein Kontakt bestand und wir nun vor die Frage gestellt werden, ob wir unseren Eltern helfen können. Nicht selten kommen dann auch alte Verletzungen, Streit zwischen den Angehörigen oder Gefühle von Zerrissenheit auf.  

Die Erwartungshaltung der Anderen kann dabei moralisch stark aufgeladen sein und daher ist es wichtig zu be­denken, dass Sie selbst bestimmen dürfen, wie viel Hilfe Sie anbieten. Eine gesetzliche Pflicht zur Pflege der Eltern besteht nicht. Menschen sind zu einer Unterhaltszahlung für ihre pflegebedürftigen Eltern verpflichtet, sofern ihr Jahresbruttoeinkommen den Betrag von 100.000 € übersteigt. Es ist wichtig, dass Sie Ihre eigenen Grenzen kennen und diese wahren. Das Eltern-Kind-Verhältnis wird sich in dieser Phase früher oder später verändern. Wenn Sie Widerstände spüren, übergehen Sie diese nicht einfach und suchen Sie sich bei Bedarf professionelle Unterstützung, diese aufzuarbeiten.

Kannst du Unterstützung von mir annehmen?  –  Neue Rollenverteilung und ihre Herausforderungen

Mit dem Älterwerden verschieben sich die klassischen Rollen in der Familie: Kinder übernehmen mehr Verant­wortung, Eltern benötigen Pflege und Unterstützung. Das kann von praktischen Tätigkeiten im Haushalt über Besuche in der hausärztlichen Praxis bis hin zur Organisation der Medikamente und Pflegedienste reichen. Neben einem eigenen Familien- und Berufsleben erfordert dies ein hohes Maß an Organisation, Zeitmanagement und kann mitunter emotional belastend sein. Machen Sie sich daher zunächst Gedanken, welche Unterstützung Sie tatsächlich leisten können und möchten. Achten Sie unbedingt auf Ihre eigenen Grenzen und versuchen Sie – sofern möglich – die Aufgaben auf mehreren Schultern zu verteilen. Überlegen Sie dann gemeinsam mit Ihren Eltern, wer von Geschwistern, Familienmitgliedern, Freund*innen, Nachbar*innen oder auch professionellen An­geboten Teil des Unterstützungsnetzwerkes sein kann.

Kannst du noch sicher Autofahren?  –  Der Umgang mit der Autonomie der Anderen

Viele Menschen möchten verständlicherweise auch im Alter noch so lange wie möglich selbstständig bleiben – auch wenn die motorischen und kognitiven Fähigkeiten nachlassen. Wenn sich die Rollen von Kind und Eltern verschieben, kommt aber schnell die Frage nach der Autonomie auf. Es ist ein Balanceakt, notwendige Hilfe an­zubieten und gleichzeitig die Eigenständigkeit der Eltern so lange wie möglich zu respektieren und zu fördern. Manchmal bedeutet das auch, schwierige Entscheidungen zu treffen, gerade in Bezug auf die Verkehrstauglich­keit oder die Wohnsituation. Auch hier ist es wichtig, die Eltern in Entscheidungen mit einzubeziehen und schlussendlich – auch wenn es schwerfällt – zu akzeptieren, wenn sie die Situation anders beurteilen als man selbst.

Es gilt natürlich weiterhin: Holen Sie sich Unterstützung, wenn es die Situation erfordert. Vielleicht können unsere Eltern kritische Themen besser annehmen, wenn Hausärzt*in, Geschwister, Freund*innen oder andere Familienmitglieder diese ansprechen. Oder finden Sie Kompromisse:  Verkehrsbetriebe bieten zum Beispiel häufig Vergünstigungen für umstiegswillige Senior*innen an. Der Einkauf kann per Lieferdienst erfolgen oder Sie nutzen den Supermarkt-Abholservice. Einrichtungen für Betreutes Wohnen oder Tagespflege bieten ein Maß an Selbstständigkeit mit der Option der Pflege. Oft gibt es noch Lösungen, die das Bedürfnis nach Autonomie be­friedigen und dennoch sicher sind. Fragen Sie bei Ihren Eltern bewusst nach, was möglicherweise hinter einer Abwehrhaltung steckt und wie ein guter Kompromiss aussehen kann.

Wer soll entscheiden, wenn du nicht mehr kannst?  –  Rechtliche und finanzielle Aspekte klären.

Neben emotionalen und lebenspraktischen Herausforderungen ist es ratsam, sich so früh wie möglich auch mit rechtlichen und finanziellen Aspekten einer alters- oder krankheitsbedingten Einschränkung auseinanderzuset­zen. So können Sie gemeinsam rechtzeitig festlegen, wie Entscheidungen getroffen werden sollen und wer diese treffen darf, wenn Ihre Eltern selbst dazu nicht mehr in der Lage sind. Dabei gilt: Fragen zu stellen und die eigenen Angelegenheiten zu regeln, ist besser als später in ein kurzfristiges Krisenmanagement zu verfallen. Wenn wir nicht im Vorfeld darüber sprechen, müssen unsere Eltern (oder auch wir selbst) hinnehmen, was die Kinder oder andere Menschen dann im Akutfall entscheiden.

Drei der wichtigsten Vorsorgedokumente, die Sie beachten sollten, sind die Vorsorgevollmacht, die Patient*innen- und die Betreuungsverfügung. Diese Dokumente sind zum Teil rechtlich bindend und klären Fragen nach Vollmachten, medizinischen Schritten sowie der Bestimmung der gesetzlichen Betreuung.

Auch über die Finanzen sollten Sie mit Ihren Eltern sprechen: Ist eine Pflege der Eltern ausreichend finanziert? Welche Rente und Einkünfte haben Ihre Eltern? Gibt es private Pflegezusatz- oder Sterbegeldversicherungen, die beachtet werden sollten? Gab es in der nahen Vergangenheit Schenkungen, die unter Umständen vom Sozialamt zurückgefordert werden könnten, wenn die Pflege nicht ausreichend finanziert ist? Besteht Wohneigentum und sind beide Ehepartner im Grundbuch eingetragen? Gibt es ein Testament und ist dieses auf dem aktuellen Stand?

Eines der schwierigsten Themen, wenn es um das Älterwerden geht, ist die Auseinandersetzung mit dem Tod. Aber auch über die Bestattung sollten Sie mit Ihren Eltern sprechen und rechtzeitig Vorkehrungen treffen. Sie können die Wünsche und Vorstellungen Ihrer Eltern nur wahren, wenn Sie diese kennen: Fragen Sie also nach, wie Ihre Eltern verabschiedet werden möchten, wer an der Trauerfeier teilnehmen darf und welche Form oder gar welcher Ort der Bestattung sie sich wünschen. Auch hier kann es sinnvoll sein, vorab zu besprechen, ob eine finanzielle Absicherung der Kosten besteht.

Wie sind Sie selbst in dieser Hinsicht aufgestellt? Schauen Sie in dem Zuge auch bei sich selbst, wie Sie für eine mögliche Krankheit oder Pflegebedürftigkeit aufgestellt sind. Nutzen Sie den Moment und füllen Sie die Dokumente gegebenenfalls gemeinsam mit Ihren Eltern aus.

Was ist, wenn ich nicht (mehr) kann?  –  Auf ausreichend Selbstfürsorge achten

Das Thema „Altern“ macht vielen Menschen Angst, denn das älter werden und die Pflege von Angehörigen, be­deuten immer auch eine Auseinandersetzung mit Verfall und Vergänglichkeit. Diese Themen nehmen in unserer Gesellschaft häufig wenig Platz ein. Es macht uns bewusst, dass niemand unsterblich ist und das Leben mit dem Tod endet. Indem wir uns mit diesen Themen konfrontieren und akzeptieren, dass Altern, Sterben und Tod zum Leben dazugehören, kann es seinen Schrecken verlieren. Gleichzeitig kann das Kümmern um ältere Eltern eine sehr aufopferungsvolle Aufgabe sein, die an die Substanz geht. Umso wichtiger ist es, auch die eigene Selbstfürsorge nicht zu vernachlässigen. Nehmen Sie sich Auszeiten, pflegen Sie Ihre sozialen Kontakte und suchen Sie bei Bedarf Unterstützung bei Freund*innen, Therapeut*innen oder Selbsthilfegruppen.  Nur wenn Sie selbst ausgeglichen und gesund sind, können Sie Ihren Eltern die Unter­stützung zukommen lassen, die sie brauchen.

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Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit awo lifebalance Weser-Ems erschienen.


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