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6 Min. Lesezeit

Brücken bei Demenz bauen

Die richtigen Worte finden bei Angehörigen mit Demenz

Knapp 1,8 Millionen Menschen in Deutschland leben mit einer Demenz-Erkrankung (vgl. BMFSFJ 2022). Die Verläufe sind so vielfältig, wie die Bedürfnisse und Biographien der Menschen mit Demenz selbst. Ihr Alltag ist jedoch zunehmend von den Einschränkungen der kognitiven Fähigkeiten beeinflusst: Betroffene erleben nicht nur vermehrten Gedächtnisverlust, die Demenz wirkt sich im Allgemeinen auch auf ihre Wahrnehmung, das Denk- und Kommunikationsvermögen aus. Als Angehörige ist man mit fortschreitender Erkrankung, nicht nur mit der Versorgung, sondern auch immer mehr mit Konflikten und Schwierigkeiten in der Kommunikation konfrontiert. Wie also, im Austausch mit Menschen mit Demenz, die richtigen Worte finden?

Markus‘ Mutter hat vor drei Jahren die Diagnose Alzheimer erhalten. Sie kommt im Alltag gut zurecht, lebt noch selbstständig in ihrer kleinen Wohnung und Markus schaut beinahe täglich nach dem Rechten. Das klappt eigentlich seit Langem gut, nur in den letzten Wochen streiten Markus und seine Mutter sich immer wieder, wenn er zu Besuch ist. Vor Kurzem wies die Mutter Markus an, er solle endlich die ganzen Leute wegschicken, die Wohnung sei zu voll – dabei war außer ihm niemand da. Er versuchte ihr zu vermitteln, dass kein Besuch im Haus sei, aber die Mutter beruhigte sich erst, als Markus das Radio leiser stellte.

„Manchmal, da ist es wirklich wie verhext. Ich weiß einfach nicht, was sie von mir möchte – und dann wird sie wütend! Oder sie versteht wiederum nicht, was ich von ihr möchte“, erzählt Markus seinen Geschwistern. Es ist noch nicht so lange her, da wollten sie zusammen Abendbrot essen und Markus hat seine Mutter gebeten den Tisch zu decken. Als sie dann nach 15 Minuten noch nichts auf den Tisch gestellt hatte und Markus nachfragte, sagte die Mutter gereizt, sie habe ja schon längst gegessen und hätte alles schon wieder aufgeräumt.

Konflikte, ähnlich wie Markus sie mit seiner Mutter erlebt, kennen viele Angehörige von Menschen mit Demenz. Gerade mit Fortschreiten der Erkrankung können Betroffene Alltägliches vergessen, Situationen nicht mehr in Gänze erfassen und haben Schwierigkeiten Vergangenheit und Gegenwart zu unterscheiden. Sie erleben viele Situationen daher in der Folge als überfordernd und belastend. Umso wichtiger ist es für Angehörige zu schauen, wie wir mit Betroffenen sprechen und unsere Kommunikation, der Situation entsprechend, anpassen.

Auf Augenhöhe miteinander sprechen

Orientierung geben

Längere Gespräche können für Menschen mit Demenz, aufgrund der Herausforderung Gesprächsinhalte aufzunehmen und zu verarbeiten, anstrengend sein. Wenn wir aber im Gespräch immer wieder Orientierungspunkte geben und Informationen bspw. in gleicher Formulierung wiederholen, kann dies die Gesprächsführung für Betroffene erleichtern. Eine ruhige Atmosphäre zu schaffen und Hintergrundgeräusche von bspw. Radio oder Spülmaschine während eines Gespräches zu minimieren, kann zusätzlich dazu beitragen, dass die Betroffenen
sich fokussieren und das Gesagte besser aufnehmen können.
Mitunter benötigen Menschen mit Demenz mehr Zeit, das Gesagte im Austausch aufzunehmen und zu verstehen. Da kann es hilfreich sein, bei wichtigen Informationen, langsam und deutlich zu sprechen. Sprechen Betroffene in einem Dialekt oder nutzen bestimmte Wörter, können wir diese ebenfalls aufnehmen, um uns für unser Gegenüber verständlicher auszudrücken.

Gemeinsam Lösungen finden

Es kann passieren, dass Menschen mit Demenz Schwierigkeiten haben Situationen zu erfassen bzw. ihre Anliegen für uns verständlich wiederzugeben. Vielleicht drücken sie sich anders aus als bislang oder haben Schwierigkeiten passende Worte zu finden. Hier kann es hilfreich sein, wenn wir das passende Wort paraphrasieren und nachfragen „Meinst du …?“.
Da es Menschen mit Demenz unter Umständen schwerfallen kann, sich mit anderen Menschen in einem Gespräch zurecht zu finden, ist es umso wichtiger, dass wir als Gesprächspartner*innen freundlich und zugewandt sind, aufmerksam zuhören und auf die Körpersprache unseres Gegenübers sowie mitschwingende Gefühle achten. Insbesondere, wenn uns nicht sofort klar ist, was unser Gegenüber meint oder Betroffene bereits gereizt wirken. Wie in dem Beispiel von Markus und seiner Mutter, kann es helfen, sich auf die Realität der Betroffenen einzustellen und Situationen bewusst zu entschärfen, anstatt die Betroffenen zu korrigieren.
In der Situation hat es der Mutter geholfen, als ihr Sohn das Radio ausgestellt hat, sodass die fremden Stimmen in ihrer Wahrnehmung keinen Raum mehr eingenommen haben. Eine Diskussion darüber, ob nun Menschen in der Wohnung seien oder nicht, hätte mitunter auf beiden Seiten zu Frustration führen und die Mutter zusätzlich verunsichern können.

Sich aufeinander einstellen und Gespräche bewusst strukturieren

Neben einer ruhigen Atmosphäre, erleichtert es den Betroffenen, wenn wir Themen im Gespräch ankündigen und diese nicht abrupt wechseln. Dazu kann es auch gehören Verneinungen und Pronomen zu meiden, kurze geschlossene Fragen zu stellen, lediglich eine Sache auf einmal zu erfragen und Entscheidungen auf zwei Optionen zu begrenzen. Das Unterstreichen des Gesagten mit Gesten und Mimik kann zusätzlich verdeutlichen, was wir ausdrücken wollen. Gespräche können für Menschen mit Demenz, gerade wenn die Erkrankung fortgeschritten ist, unter Umständen sehr anstrengend sein. Für die Gestaltung des Alltages kann es daher hilfreich sein, die Betroffenen statt langer Gespräche vielmehr in Alltägliches einzubeziehen. Die Benennung konkreter Einzelschritte, anstelle abstrakter Vorgehensweisen, unterstützt Menschen mit Demenz einzelne Teilschritte eigenständig umzusetzen. Markus hat seine Mutter ja bspw. darum gebeten, den Tisch zu decken. Er könnte es ihr zukünftig einfacher machen, und sie um einzelne Schritte, wie das Bereitstellen von Gläsern, bitten.


Was ist Demenz?

Demenz ist ein Übergriff für mehr als 50 verschiedene, vor allem hirnorganische Erkrankungen. Der Verlauf der Erkrankungen ist oft sehr unterschiedlich, führt aber beinahe immer zur Beeinträchtigung der kognitiven Fähigkeiten, wie Einschränkung des Kurzzeitgedächtnisses, der Merkfähigkeit,  Aufmerksamkeit sowie des Auffassungs- und Denkvermögens.


Quellen und weiterführende Informationen finden Sie bei der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, dem Onlineportal „Wegweiser Demenz“ des BMFSFJ, dem Magazin „Pflege daheim“ der Unfallkasse.

Demenzerkrankungen und damit einhergehende Einschränkungen sind vielfältig – die Anpassung der Kommunikation ist dabei nur ein Aspekt von vielen. Gern unterstützen wir Sie bei Fragen und Anliegen rund um die individuelle Situation Ihrer Angehörigen.

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Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit awo lifebalance Weser-Ems erschienen.


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