Wenn Kinder und Jugendliche Pflegeverantwortung übernehmen
Nach der Schule den eigenen Hobbys nachgehen, an den Wochenenden ausschlafen, Freund*innen in der Stadt treffen oder abends zu einer Party fahren – ein Alltag, wie ihn viele Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 19 Jahren erleben. Doch für etwa 500.000 Gleichaltrige in Deutschland sieht der Tages-ablauf ganz anders aus. Für sie beginnt nach dem Unterricht die nächste Verantwortung: Sie helfen im Haushalt, erledigen Einkäufe, kochen und kümmern sich regelmäßig um ein pflegebedürftiges Familienmitglied. Sie versorgen Eltern oder Geschwister mit Behinderungen, chronischen Erkrankungen, Suchterkrankungen oder Krebs. Young Carers sind Kinder und Jugendliche, die bereits als Minderjährige Pflegeverantwortung übernehmen – häufig von klein auf und meist im Verborgenem. Ein Blick auf die Lebensrealität von Familien zwischen Pubertät, Pflege, Grenzen und Herausforderungen.
Ein ganz normaler Tag
Es ist 15.30 Uhr. Der 14-jährige Henrik stellt die Einkäufe, die er auf dem Weg von der Schule nach Hause besorgt hat, in den Kühlschrank. Er macht eine Maschine Wäsche an, gibt seiner Mutter die nachmittags-Dosis Schmerzmedikamente, räumt die Spülmaschine aus und macht sich dann an die Hausaufgaben, bevor er das Abendessen vorbereitet. Nicht jeden Tag hilft er zuhause so viel, aber seit ein paar Monaten fällt auch die Oma aus und kann sich, während Henriks Vater arbeiten geht, nicht mehr um ihre krebserkrankte Tochter kümmern. Da hilft dann eben Henrik aus – und kocht, wäscht oder gibt Medikamente statt zum Fußballtraining zu gehen.
Henrik gibt es nicht wirklich – aber sein Alltag steht stellvertretend für viele junge Menschen, die als Young Carer Angehörige pflegen.Schon im Alter von acht bis zehn Jahren übernehmen sie erste (pflegerische) Tätigkeiten, mit denen sie die Hauptpflegepersonen entlasten. Die Hälfte der Young Carers unterstützt zuhause mit bis zu 10 Stunden, ein Drittel bis zu 20 Stunden in der Woche. Jede*r siebte pflegt Angehörige sogar zwischen 21 und 40 Wochenstunden – neben der Schule oder Ausbildung. Im Durchschnitt übernehmen sie diese Aufgaben über einen Zeitraum von bis zu zwölf Jahren.
Dabei entwickeln Young Carers früh ein hohes Maß an Selbstständigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Empathie. Die meisten unterstützen ihre Familien aus eigener Motivation und nicht, weil dies von den Pflegebedürftigen oder anderen Angehörigen erwartet wird.
Unverzichtbar, aber nicht sichtbar?
Dass Young Carers – insbesondere diejenigen, die von klein auf mit der Pflegesituation aufgewachsen sind – zuhause viel Verantwortung übernehmen, bleibt für das Umfeld außerhalb der Familie häufig unsichtbar. Ihre Familien und sie selbst sprechen eher selten offen über ihre Situation.
Das Schweigen kann verschiedene Gründe haben: Manche empfinden ihren Pflegealltag als selbstverständlich und sehen keinen Anlass, darüber zu sprechen. Andere haben Angst vor möglichen Konsequenzen, wenn ihre familiäre Situation bekannt wird. Sie befürchten beispielsweise, dass Behörden oder Ämter aufmerksam werden und in das Familiensystem eingreifen. Diese Vorstellung kann als bedrohlich und beängstigend empfunden werden.
Hinzu kommt die Angst vor Ablehnung oder Ausgrenzung durch Gleichaltrige. Viele Young Carers möchten nicht „anders“ wirken oder sich von ihren Mitschüler*innen unterscheiden. Ängste, Schamgefühle, die ständige Sorge um die pflegebedürftigen Angehörigen sowie die fehlende Zeit für Freund*innen und Hobbys führen häufig zu sozialer Isolation und emotionalen Belastungen. Diese können sich nicht nur auf die körperliche und psychosoziale Entwicklung der Young Carers auswirken, sondern auch auf ihre schulischen Leistungen. Fehlzeiten, Konzentrationsprobleme aufgrund von Schlafmangel sowie körperliche und emotionale Erschöpfung können Bildungslücken bis hin zu Schulabbrüchen verursachen – und in der Folge die beruflichen Chancen einschränken.
Eine dauerhafte Pflegeverantwortung bringt – unabhängig vom Alter der Pflegeperson – erhebliche gesundheitliche, emotionale, psychische und berufliche Herausforderungen mit sich. Bei Young Carers fallen diese Herausforderungen zusätzlich in eine sensible Lebensphase, die von persönlicher, sozialer und schulischer bzw. beruflicher Entwicklung geprägt ist.
Weil niemand alles allein schaffen muss
Jede Pflegesituation ist einzigartig und jede Familie findet einen individuellen Umgang die Pflege zuhause aufzufangen. Wichtig ist jedoch, damit gerade Kinder und Jugendliche entlastet werden, dass Familien – neben Anlaufstellen und Selbsthilfegruppen – auch die Möglichkeiten professioneller Unterstützung in der häuslichen Pflege kennen. Denn wenn die gepflegte Person einen Pflegegrad hat, können Leistungen der Pflegeversicherung in Anspruch genommen werden. Dazu gehören beispielsweise ambulante Pflegedienste, Tages- und Nachtpflege, Kurzzeit- bzw. Verhinderungspflege bei Ausfall der pflegenden Person, sowie Entlastungsleistungen für den Alltag. Diese Angebote können dazu beitragen, dass Kinder und Jugendliche, aber auch die ganze Familie weniger Pflegeaufgaben übernehmen müssen.

Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit awo lifebalance Weser-Ems erschienen.
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