logo
logo

Login

8 Min. Lesezeit

Queere Oldies – LSBTI* Senior*innen unterstützen

Projekt „Regenbogen 3.0“- ein Interview mit den Mitarbeiterinnen Jacqueline und Vivien Ritter

Knapp 1,8 Millionen Menschen in Deutschland leben mit einer Demenz-Erkrankung (vgl. BMFSFJ 2022). Die Verläufe sind so vielfältig, wie die Bedürfnisse und Biographien der Menschen mit DemIn Deutschland fühlen sich rund 7,4 % der Bevölkerung der queeren Community zugehörig (Süddeutsche Zeitung Jetzt 2016). Darunter auch rund eine Millionen Senior*innen, die sich als Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtlich (LSBTI) identifizieren (AWO Bundesverband). Wir haben mit Jacqueline und Vivien Ritter, vom Projekt „Regenbogen 3.0“, über Angebote der offenen Altenhilfe für queere Senior*innen gesprochen und sind der Frage nachgegangen, wie Angehörige und Einrichtungen der Altenhilfe Unterstützung bieten können.

In der Altenhilfe gibt es ja eine Vielzahl an Angeboten, egal ob Spieletreff, Kaffeekränzchen oder Handarbeitsrunden. Spezifische Gruppen für queere Senior*innen sind aber noch selten. Wie kam es dazu, dass ihr in Oldenburg ein extra Angebot für LSBTI* Senior*innen gestartet habt?

Jacqueline Ritter (JR): Also das ist wirklich etwas, was es noch nicht gibt, also zumindest in Oldenburg. Obwohl statistisch gesehen, circa 3.300 Senior*innen in der Stadt der LSBTI*-Community angehören. In Deutschland findet man da schon einzelne Projekte, aber eben auch noch nicht flächendeckend. Ich habe im Juni 2020 schon das Projekt der offenen Altenhilfe „Hand in Hand“ in Donnerschwee übernommen. Irgendwann dachte ich aber „Was ist denn eigentlich mit queeren Senior*innen?“. Ich bin selber aus der Community aber eben nicht so vernetzt und hab dann im Hempels nachgefragt. Vor Ort sagte man mir „Nee, so ein Angebot gibt es nicht. Aber danke, dass du dich um unsere Zukunft kümmerst.“.            
Vivien Ritter (VR): Auch wenn man beim CSD in Oldenburg mitläuft, dann sind fast über die Hälfte ü50, würde ich sagen. Von denen kriegt man aber unter dem Jahr nichts mit. Klar, da laufen auch viele Schulen mit und es sind sicher auch einige Eltern dabei. Aber es sind eben auch viele schwule oder lesbische Ältere, die mitlaufen. Man fragt sich aber „Wo sind die denn? Warum gibt es denn da nichts?“   
Und dann machte es eben für uns Sinn auch etwas für die Community von der Community anzubieten.

Also bietet ihr mit dem Projekt nicht nur Freizeitangebote, sondern eher einen Raum, in dem man sich untereinander austauschen kann?

JR: Ja genau, ein safe-space. Darum geht es letztendlich auch bei dem Projekt. Mein größter Wunsch ist natürlich, dass wir das nicht brauchen, aber wir brauchen es noch. So weit ist die Gesellschaft noch nicht.
VR: Das ist auch eine der Rückmeldungen, die wir bekommen haben, dadurch, dass wir eben zu zweit aufgetreten sind, hat das ganz viel Druck genommen. Also es ist niemand von außerhalb, der etwas anbieten möchte.JR: Und das war wirklich ein Türöffner. Eigentlich ist das Angebot ja für Menschen, die über 65 Jahre alt sind. Es kamen aber bei den ersten Treffen auch viele Jüngere, weil es für die Gruppe wenig Angebote, aber den Wunsch nach Austausch gibt. Daher ist unsere neue Zielgruppe auch ab 50.

Das klingt als wärt ihr überrascht?

JR: Das erste Treffen war wirklich überwältigend. Es hatten sich etwa zehn bis zwölf angemeldet, es kamen aber noch zehn unangemeldet zusätzlich. Wir wollten eigentlich eine gemütliche Kaffeetafel machen, haben dann aber schnell umdisponiert und ein separates Planungstreffen vorgeschlagen. Da waren wir dann knapp 30.

Das heißt, ihr habt euch dazu entschieden, nichts vorzugeben, sondern gemeinsam Aktivitäten zu planen?

JR: Es ist eine starke selbstorganisierte Community – das hat ja niemand für sie gemacht. Da bieten wir letztendlich nur die Plattform. Wir wollen da ja auch nichts wegnehmen oder sagen: „Das braucht ihr!“. Deswegen haben wir uns die Zeit genommen für Umfragen und Planungstreffen. Uns ist wichtig zu erfahren, was die Ideen und Interessen der Menschen sind.

VR: Gesellschaft und gemeinsame Aktivitäten standen bei dem Planungstreffen im Fokus. Aber es gibt auch den Wunsch nach Input.    
JR: Kreativ Treff, gesellige Treffen, Bewegung, Spieletreffen und gemeinsames Kochen waren die ersten Ideen. Raus aus der Einsamkeit ist immer Thema, deswegen kommen die Teilnehmenden zu dem Projekt.

Im Alter kommt ja, neben dem Wunsch nach Austausch mit anderen, meist noch die Herausforderung der Pflege- und Hilfsbedürftigkeit hinzu. Gibt es etwas worauf Einrichtungen achten können, wenn sie LSBTI*-Senior*innen aufnehmen?

VR: Ich finde es wichtig zu fragen „Was ist dir wichtig und was sollten andere über dich wissen?“. Sodass Berührungsängste seitens des Pflegepersonals abgebaut werden können. Kann ich irgendwo angeben, dass ich lesbisch bin und nicht von männlichen Pflegepersonal angefasst werden möchte? Aber häufig sind das ja auch keine queeren Sonderfragen, die im Alter wichtig werden, sondern eben die klassischen Altersfragen nach Betreuungsvollmachten, Pflegegradbeantragung und so weiter.   
JR: Ich weiß auch nicht, wie gendersensible Pflege geht, aber bekomme die Rückmeldung aus dem Netzwerk, dass die Einrichtungen sich da natürlich auch auf den Weg machen. Aber klar, so Sorgen bestehen schon, ob man sein Hochzeitsfoto in der Pflegeeinrichtung aufstellen kann? Werde ich da komisch angeguckt oder diskriminiert?           

Wie kann man denn diesen Sorgen begegnen oder ihnen entgegen wirken?   

VR: Bilder und Symbole sind immer schöne Möglichkeiten Sichtbarkeit zu schaffen und Präsenz zu zeigen. Das kann man auch ganz klar aus den Gesprächen mit den Teilnehmenden ableiten: Die Gruppe will gesehen und mitgedacht werden. Das geht relativ einfach, in dem man beispielsweise nicht davon ausgeht, dass alle heterosexuell sind. In einem Beratungsgespräch könnte man beispielsweise sagen „Darüber können Sie ja mit Ihrem Mann oder Ihrer Frau nochmal sprechen.“ Es soll ja eben kein Sondersatellit sein, sondern normal mitgedacht werden.
JR: Ich hab beispielsweise vor Kurzem eine Werbung gesehen, da haben zwei Männer, die sehr innig miteinander waren, gemeinsam Kaffee getrunken. Das fällt eben auf und schafft Sichtbarkeit. Und Sprache ist natürlich immer ein Punkt. Wenn gegendert wird, dann fühlen Menschen sich inkludiert.         

Wie können Angehörige denn unterstützen, wenn Nahestehende – vielleicht insbesondere Senior*innen – sich ihnen anvertrauen und sich outen?

VR: Ins Gespräch gehen! Ich finde es sehr wichtig mit dem Menschen zu sprechen und Fragen zu stellen: „Was sind die Bedürfnisse des Anderen?“, „Was heißt das für die Person?“, „Soll sich was ändern?“, „Wie möchte die Person angesprochen werden?“. Aber nur weil sich jemand outet, heißt es ja nicht, dass sich zwangsläufig etwas ändern muss.
JR: Man kann da auch wirklich schwer allgemeingültige Aussagen treffen. Ich finde Offenheit immer sehr wichtig. Und den Fokus darauf zu legen, dass es um eine Person geht, die mir wichtig ist. Vielleicht lerne ich einen neuen Aspekt der Persönlichkeit kennen, aber am Ende ist mir ja wichtig, dass es der Person gut geht. Und wenn ich die Person dabei unterstützen kann, indem ich mit ihr spreche oder gerade wenn es um Trans-Identitäten geht, den neuen Namen nutze und anerkenne, im Pronomen richtig bleibe, dann ist der Weg ja schon geebnet.
VR: Ich finde auch, die Offenheit von beiden Seiten ist wichtig. Den Menschen zu sehen, was ihn gerade glücklich macht und mit seinen Wünschen anzuerkennen. Ganz häufig sind ja auch eigene Ängste damit verbunden – und da finde ich die Frage an sich selbst wichtig: „Sind es Berührungsängste oder sind es tatsächlich Dinge, die überhaupt was mit der Beziehung zu dem anderen zu tun haben?“.

Also da auch die Eigenverantwortung zu stärken und zu schauen „Was macht das eigentlich mit mir und warum?“?        

VR: Ja genau. Wenn sich beispielsweise die Mutter outet, ändert das Ja nichts an der Mutter-Tochter-Beziehung. Aber natürlich kann man da mal in sich gehen und schauen, was stört mich denn konkret und warum? Habe ich Vorurteile, liegt es an meiner Religion oder habe ich ggf. Angst um die Person? Und dann ist es natürlich wichtig mit dem Anderen zu sprechen.               

Ihr legt mit dem Projekt „Regenbogen 3.0“ ja eine gute Grundlage, dass eben diejenigen, die sonst wenig Sichtbarkeit bekommen, gesehen werden und sich vernetzen können. Wo seht ihr denn die Zukunft des Projektes?

JR: Also Ideen haben wir viele. Teil der Zukunftsplanung ist auf jeden Fall queeres Wohnen, also „Regenbogen 3.0 – das Haus“.       
VR: Auf Netzwerkebene wollen wir auch die Netzwerkpartner*innen ansprechen, vielleicht irgendwann Fortbildungen für Pflegekräfte anbieten. Klar es fängt jetzt erstmal klein an. Aber es ist ein schönes Angebot, und die Teilnehmenden waren direkt beim ersten Treffen sehr dankbar. Und da merkt man, es lohnt sich und man hat alles richtig gemacht.
JR: Und dann hat man eben auch Lust auf den verschiedenen Ebenen weiter zu machen. Langweilig wird es nicht.


Bei Interesse an dem Projekt nehmen Sie gern Kontakt auf:    
Regenbogen 3.0  
E-Mail: info@awo-ol-regenbogen.de             
Tel.:  04 41/36 10 59 72

Logo awo lifebalance Weser-Ems

Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit awo lifebalance Weser-Ems erschienen.


Sie möchten über Ihre Situation sprechen? Unsere Expert*innen beraten Sie gerne.