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9 Min. Lesezeit

Alleinerziehend – und dann?

„Vorsorge ist kein Misstrauen, sondern Selbstbestimmung.“

Was wir vor dem Alleinerziehen wissen sollten: Ein Gespräch mit Sara Buschmann über Mut, Vorsorge und Resilienz

Wenn wir mal ganz ehrlich sind: Dass wir einmal alleinerziehend sein könnten, darauf bereiten wir uns als (werdende) Eltern eigentlich kaum vor – obwohl statistisch gesehen jedes dritte Elternteil einmal im Leben mit dieser Situation konfrontiert ist. Sara Buschmann, Autorin und Gründerin der gemeinnützigen Organisation SOLOMÜTTER, ist selbst alleinerziehend und kämpft für mehr Sichtbarkeit für Ein-Eltern-Familien. Im Interview mit uns spricht sie offen über strukturelle Benachteiligung, Bullshit-Sätze, die sie nicht mehr hören kann, und gibt Tipps, wie wir uns auf den (un)wahrscheinlichen Fall vorbereiten können – oder sollten?

Es war es zum einen ein persönliches Anliegen: Ich hätte mir selbst ein Buch gewünscht, das ehrlich erklärt, was auf einen zukommen kann, und das vermittelt, dass Vorsorge nichts mit Misstrauen, sondern mit Selbstbestimmung zu tun hat. Gleichzeit geht es ja nicht nur mir so. Jede*r dritte Elternteil macht im Laufe des Lebens Erfahrungen mit dem Alleinerziehen – und trotzdem wird diese Familienform bis heute stigmatisiert. Alleinerziehende gelten wahlweise als selbst schuld, gescheitert, zu emanzipiert oder beziehungsunfähig. Das ärgert mich, weil es ein völlig verzerrtes Bild zeichnet. Wie viel Alleinerziehende täglich leisten, mit welchen Herausforderungen sie kämpfen und wie hart eine Trennung gerade Frauen treffen kann – darüber wird selten offen gesprochen. Ich wollte zeigen, wie sehr Alleinerziehende oft unterschätzt werden.

Das ist dir auf jeden Fall gelungen. Genauso, wie aufzuzeigen, wie vielfältig die Familienform ist. Du beschreibst Ein-Eltern-Familien aufgrund von Ver witwung über Co-Parenting bis hin zur Single-Mutterschaft nach Kinderwunsch. Bei aller Verschiedenheit: Was würdest du sagen, verbindet Alleinerziehende? Was haben sie gemeinsam?

Auch wenn die Geschichten sehr verschieden sind, verbindet Alleinerziehende, dass sie enorm viel Verantwortung auf sehr wenigen Schultern tragen. Sie haben gelernt, mutige Entscheidungen zu treffen, für sich und ihre Kinder einzustehen und ihren Alltag pragmatisch zu organisieren. Sie jonglieren Arbeit, Care-Arbeit, Termine und Finanzen und entwickeln dabei eine beeindruckende Stärke. Gleichzeitig kennen sie die Diskrepanz zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und den realen Bedingungen – und genau dieses Spannungsfeld eint viele von ihnen.

Dieses Spannungsfeld ist, wie du schreibst, noch immer auch historisch bedingt mit vielen Vorurteilen verbunden. In deinem Buch gehst du auf 10 Bullshit-Sätze ein, die Alleinerziehende immer wieder hören. Welcher dieser Sätze bringt dich am meisten auf die Palme? Und wie begegnest du ihm?

Der Satz, der mich am meisten ärgert, lautet: Ich bin quasi auch alleinerziehend. Denn quasi alleinerziehend gibt es nicht. Alleinerziehend zu sein bedeutet, dass ein Kühlschrank nur von einem Einkommen gefüllt wird, dass jede Rechnung und jede Verantwortung bei einer Person liegt. Wer sagt, er sei quasi alleinerziehend, weil der Partner viel arbeitet, erlebt sicher Überlastung – aber eben mit einem Sicherheitsnetz. Alleinerziehende leben ohne dieses Netz, und genau das macht den Unterschied. 41 % aller Alleinerziehenden sind einkommensarm, während dieser Anteil bei Paarfamilien deutlich niedriger liegt.     
Es geht mir nicht darum, zu vergleichen, wer es schwerer hat. Es geht darum, anzuerkennen, dass Ein-Eltern-Familien strukturell benachteiligt sind – und dass dieser Bullshit-Satz genau das unsichtbar macht. Über Überlastung können wir immer sprechen. Aber bitte ohne Vergleiche, die niemandem helfen – und Alleinerziehende unsichtbar machen.

Unsichtbar scheint das Thema ‚Alleinerziehend-Sein‘ auch, wenn man Zwei-Eltern-Familien darauf anspricht. Da merke ich in Gesprächen, dass das Thema bei vielen Angst oder Abwehr auslöst – eine Mischung aus Respekt und bloß nicht zu viel drüber nachdenken. Warum glaubst du verschließen werdende Eltern und (noch) Zwei-Eltern-Paare davor die Augen? Und was würdest du denen mitgeben wollen?

Viele verschließen die Augen, weil das Thema sofort eine Grundangst auslöst: Den Verlust von Sicherheit. Es zwingt dazu, über finanzielle Abhängigkeit, mentale Belastung und Verantwortung nachzudenken – und darüber, wie fair die Aufgaben in der eigenen Beziehung verteilt sind. Das ist unbequem. Aber genau darin liegt eine Chance: Wer versteht, wie Alleinerziehende leben, kann die eigene Partnerschaft bewusster gestalten und Vorsorge treffen. Und Vorsorge ist kein Misstrauen, sondern Augenhöhe.

Viele der Hindernisse mit denen Alleinerziehende konfrontiert sind, entstehen aus strukturellen Ungleichheiten. Was sind aus deiner Sicht die größten Herausforderungen – besonders in den ersten Monaten?        

Die ersten Monate sind oft ein emotionaler Ausnahmezustand, der mit strukturellen Hürden zusammenfällt. Eine Trennung oder der Verlust eines Partners bedeutet Trauer, Überforderung und Zukunftsangst, während gleichzeitig die Kinder gut begleitet werden müssen. Hinzu kommen finanzielle Belastungen, rechtliche Fragen wie Sorgerecht und Unterhalt sowie die Herausforderung, Betreuung und Arbeit neu zu organisieren. Besonders schwer wiegt, dass es kaum gesellschaftliche Anerkennung gibt und Alleinerziehende in vielen Debatten über Vereinbarkeit schlicht übersehen werden.

Als konkrete Anleitung: Welche rechtlichen und finanziellen Dinge sollte man frühzeitig klären, bevor man alleinerziehend wird?

Es ist wichtig, einen klaren Überblick über die eigene finanzielle Situation zu haben. Dazu gehören ein eigenes Konto, Rücklagen, Versicherungen und die Fähigkeit, auch allein handlungsfähig zu sein. Wer nicht verheiratet ist, sollte rechtliche Fragen wie Sorgerecht und Vollmachten früh regeln.  
Und Paare sollten offen besprechen, wie sie Betreuung und Verantwortung im Falle einer Trennung aufteilen würden – und ob das zu dem Modell passt, das sie aktuell leben. Ich höre häufig, dass Väter nach einer Trennung ein Wechselmodell bevorzugen, in der Partnerschaft aber nicht annähernd 50 % der Sorgearbeit übernehmen. Vielleicht ist genau jetzt ein guter Moment, etwas daran zu ändern. Statistisch gesehen, sind gleichberechtigte Partnerschaften übrigens die glücklicheren.

Wenn der Fall eintritt und man alleinerziehend wird: Welche drei Notfall-Tipps für die ersten Wochen würdest du den Menschen geben?

Die ersten Wochen nach einer Trennung oder dem Verlust eines Partners sind oft ein Ausnahmezustand. Trotzdem ist es wichtig, einen klaren Kopf zu behalten und die dringendsten Schritte sofort einzuleiten. Wer in dieser Phase handlungsunfähig ist, verliert unter Umständen Geld, das später dringend gebraucht wird. Viele wissen zum Beispiel nicht, dass Kindesunterhalt schriftlich beantragt werden muss und nur dann rückwirkend gezahlt wird. Deshalb sollte man möglichst früh Kontakt zu einer Rechtsvertretung, zum Jugendamt oder zu einer Beratungsstelle aufnehmen. Ebenso wichtig ist es, rechtliche Fragen wie Sorgerecht und Umgang nicht vorschnell und aus dem Schmerz heraus zu regeln. Mit juristischer Beratung lassen sich Vereinbarungen treffen, die langfristig tragfähig sind. Und schließlich: Sei freundlich zu dir selbst und nimm Hilfe an. Viele Alleinerziehende fühlen sich verpflichtet, alles allein zu schaffen, aber das ist nicht notwendig. Familie, Freund*innen, Nachbar*innen oder Kolleg*innen helfen oft gern, wenn man sie konkret fragt. Ein Satz wie Kannst du mich diese Woche einmal beim Abholen unterstützen? kann einen riesigen Unterschied machen. Hilfe anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche.

Lass uns konkret über den Punkt Unterstützung sprechen: Nichts scheint für Eltern – egal ob Paare oder Ein-Eltern-Familien – so wichtig zu sein, wie ein gutes Netzwerk. Was können Freund*innen, Familie, Kolleg*innen oder Arbeitgeber*innen tun, um zu unterstützen?

Ein gutes Netzwerk ist für alle Eltern wichtig – für Alleinerziehende aber oft essentiell. Hilfreich sind klare, feste Absprachen wie: Dienstag ist Onkel-Tag oder donnerstags geht Laura mit zu Finn. Unterstützung fängt aber noch früher an, als viele denken. Bevor man helfen kann, sollte man verstehen, wie eng die Tage getaktet sind, wie oft Pläne spontan kippen, wie viel Verantwortung auf einer Person liegt und wie angespannt die Finanzlage manchmal ist. Dieses Grundverständnis allein verändert schon viel. Und dann: Einfach fragen. Nicht raten, keine ungefragten Tipps geben. Sondern wirklich fragen, was gerade gebraucht wird. Alleinerziehende wissen selbst am besten, wo’s hakt. Ein Wie kann ich dich diese Woche entlasten? hilft oft mehr als jede gut gemeinte Idee von außen. Im Job ist es ähnlich. Es geht nicht um Extrawürste, sondern um faire, verlässliche Bedingungen. Klare Absprachen, planbare Zeiten, echte Flexibilität – das ist Gold wert. Alleinerziehende wollen nicht bevorzugt werden, sie wollen Rahmen, mit denen sie ihren Alltag zuverlässig organisieren können. Davon profitieren am Ende alle: Das Team, die Firma und die Kinder sowieso.

In vielen Fällen übernimmt ja auch das andere Elternteil Sorgearbeit. Häufig kommt also auch das Thema Abstimmung mit Ex-Partner*innen hinzu. Nur ein Drittel der getrennten Eltern beschreiben ihr Verhältnis als gut oder sehr gut. Hast du Tipps, Ideen oder Strategien zur Kommunikation für Getrennte?

Die Kommunikation mit dem anderen Elternteil ist eine der größten Herausforderungen. Gerade am Anfang ist Klarheit entscheidend: Lieber schriftlich als impulsiv, lieber sachlich als interpretierbar. Lange WhatsApp-Diskussionen führen selten zu Lösungen, kurze und präzise Absprachen sind oft hilfreicher. Viele Eltern wünschen sich eine gute Kooperation, aber manchmal ist das schlicht nicht möglich. Dann ist parallele Elternschaft kein Scheitern, sondern ein Modell, das Stabilität geben kann. Wichtig ist, dass Kinder aus Streitigkeiten herausgehalten werden. Sie dürfen nicht mit finanziellen Sorgen oder ausbleibendem Unterhalt belastet werden, und sie sollten den anderen Elternteil nicht schlechtgeredet bekommen. Entscheidend ist nicht die Harmonie zwischen den Erwachsenen, sondern die Verlässlichkeit im Alltag. Wenn Kinder spüren, dass die Abläufe funktionieren und beide Elternteile Verantwortung übernehmen, gibt ihnen das Sicherheit – auch wenn die Erwachsenen nicht mehr miteinander können.

Zum Ende noch eine abschließende Frage: Was würdest du dir wünschen, würden wir alle in Bezug auf Alleinerziehende endlich verinnerlichen?

Mir ist wichtig, dass wir endlich verstehen: Alleinerziehend zu sein, bedeutet nicht weniger Familie, sondern eine andere Form von Familie. Es ist kein Sonderfall, sondern gelebte Realität. Jede fünfte Familie in Deutschland ist eine Ein-Eltern-Familie. Trotzdem gelten sie bis heute als defizitär oder gescheitert – dabei stimmt das Bild überhaupt nicht. Viele Alleinerziehende sind extrem gut organisiert, lösungsorientiert und erstaunlich resilient. Sie stemmen den gesamten Alltag allein, und das oft unter erschwerten Bedingungen. Wenn wir diese Perspektive verinnerlichen, verändert sich der Blick automatisch. Dann können wir anfangen, Elternschaft insgesamt realistischer und solidarischer zu gestalten – und zwar für alle Familienformen. Am Ende geht es nicht darum, ob man zu zweit oder allein erzieht, sondern darum, dass Kinder in stabilen, liebevollen und verlässlichen Strukturen groß werden.

Das sind wirklich viele wichtige Aspekte, Perspektiven und Tipps, die du in deinem Buch und mit deiner Arbeit ansprichst. Vielen Dank für deinen Input, Sara!

Zum Weiterlesen

Sara Buschmann, Das Buch, dass du vor dem Alleinerziehen gelesen haben musst, KOMPLETT MEDIA 2025.

Wir nehmen mit: Ein-Eltern-Familien sind vielfältig, gut organisiert, oft resilient – und sie meistern viele Hürden und Anforderungen.   

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Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit awo lifebalance Weser-Ems erschienen.


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